|
Endlich daheim, im Trocknen und mal wieder geduscht! Hätte mir jemand gesagt, was nach dem eigentlichen Flèche Alemagne 2006 noch auf mich zukommt, hätte ich wohl im Vorfeld fast jeden Preis für ein Bahnticket bezahlt! Aber der Reihe nach: Wie angekündigt trat ich meine 800km-Etappenreise bereits am Mittwoch mit der 200km-Tour von Plauen nach Schwabach an. Es war zwar sonnig, trocken und mit 20°C wettertechnisch relativ optimal; wenn ich nur nicht 180km davon Gegenwind vom Feinsten gehabt hätte! Dieser Kampf ist wirklich der schlimmste für jeden Radfahrer. Dann doch lieber keine Sonne und Regen, dafür aber windstill! Meine Mittagsrast hab ich dann auch schneller wieder gesehen, als erhofft. Gepaart wurde das Ganze von einem Anfall von Diarrhöe. So geschwächt verdrückte ich am Abend bei Jürgen Fahrt in Schwabach auch gleich fünf Teller Nudeln, die mir zwar die ganze Nacht im Magen jubilierten, mich aber wieder optimal stärkten. Streckentechnisch war diese Tour mit 1889 Höhenmetern eher Durchschnitt. Es war nun Donnerstag, der gern benannte „Männertag“ und gleichzeitiger Starttag des Flèche Alemagne, zu dem ich mit meinen Mannschaftskameraden Wolfgang Zerrmayr, Jürgen Fahrt, Stefan Pittelkow und Matthias Schudera über 380km (geplant) nach Eisenach zur Wartburg aufbrechen sollte. Stark bewölkt, leicht regnend und windig begrüßte uns der Tag. Super, genauso, wie ich es mir nicht gewünscht hatte. 
Matthias, Jürgen, Stefan, Ich, Wolfgang (v.l.) So blieb es auch bis Kilometer 180, als dann der Regen stärker und ich fiter wurde. Es ging nun langsam in die Berge, besser gesagt in die Rhön mit feinen, kilometerlangen Steigungen zu erträglichen Prozenten (Zumindest sah ich dass so.). Da war sie, die Trtschka’sche Mixtur für einen optimalen Rennverlauf: ReCoMa! Alles was ich brauche, um optimal über lange Strecken zu kommen sind Regen, Cola und Mars. Im Regen fahr ich ohnehin am besten, die Cola gibt’s für den Zucker- und Flüssigkeitshaushalt und den Mars als Dreistufenzünder: 1. Traubenzucker, der sofort wirkt, 2. das Karamell, was danach kommt und 3. die Schokolade für den langfristigen Schub. Als alle meine Mannschaftskameraden am Boden waren, ob des Regens oder der Strecke, fuhr ich, wie eben gestartet. Jeder kleine Anstieg kam mir gelegen und dann der erste lange vor Bad Brückenau! Fein! Ich bin mir sicher, dass der Chinese, bei dem wir abendbroteten, zwei Tage lüften muss, nachdem fünf schweiß- und regengebadete Randonneure zwei Stunden in seinem Restaurant ihre Kleidung und sich selbst trockneten. Vielen Dank für die freundliche Hilfe von hier aus nach Bad Brückenau. Jedoch hielt die Trocknung keine Stunde, da der Regen weiter runterschoss, als würde der Himmel uns noch duschen wollen. Erst kurz vor der 5km langen Steigung von 465hm auf 808hm ließ er nach. Diese Steigung war für mich das Beste am ganzen Flèche (streckentechnisch gesehen): Den richtigen Gang rein und mit ca. 80-90 rpm einfach rauf. (zum Streckenprofil) Das ist fast, wie Rolle treten und davon kann ich wohl wahrlich ein Lied singen! Einfach fabulös, obwohl es doch ein sehr eigenwilliges Gefühl ist, mitten im Wald nur den kleinen Lichtkegel vor sich, nicht wissend, was sich links und recht befindet, den Berg hochzustrampeln, Als dann noch Wolken vor mir die Straße überquerten und der Wind blies, entlockte es mir doch den ein oder anderen Schauer. Blöderweise ging’s dann auch wieder Bergab und das ist absolut nicht mein Fall. Das was ich aufwärts rausfahre, verliere ich in der Abfahrt dreifach. Es ist aber auch nicht meins, als Familienvater bei regennasser Fahrbahn, deren Verlauf ich nicht kenne, im Dunkeln mit 23mm Straßen“haftung“ und 65km/h den Berg runter zu schießen. Wie auch immer, trotz der Anstiege waren wir ca. zwei Stunden zu früh an der vorletzten Kontrolle, die wir im Schalterraum einer Sparkasse überbrückten. Die haben jetzt sicher nicht nur Spaß beim Anschauen der Videobänder, sondern auch erstmal keine Laufkundschaft mehr, ob des verbliebenen Geruchs besagter fünf Randonneure. Auch hier meinen herzlichen Dank an dieses, gut beheizte „Randonneushotel“ und an Wolfgang aus Leimbach, der uns den letzten Stempel gab und mit Frühstück versorgte. Schon hier und in den Anstiegen vor und zur Wartburg spürte ich, was mich die Heimfahrt wohl erwarten würde: eine fein entzündete Achillessehne im linken Bein, gepaart mit einem überbeanspruchten linken Knie. Na prima! Wenigstens war das Wetter jetzt super. Jetzt. Nach dem Duschen ging’s ins Einsenacher Bürgerhaus mit prächtigem Buffet und der Medalienvergabe. Alles war super organisiert und Essen reichlich vorhanden. Vielen Dank an die ARA! 
Mein Schlussanstieg zur Wartburg mit ca. 24% Steigung So, bereits 36 Stunden ohne Schlaf und vollgefressen bis zur Kante startete ich nun meine 200km-Heimreise. Es war ja trocken und Rückenwind sollte ich ja auch haben. Es ging ja schließlich von West nach Ost. Hmmm, fein! So war’s leider nur die ersten 20km, denn dann kam der Thüringer Wald mit all seinen Fassetten und auch der Himmel öffnete wieder seine Pforten, um Unmengen an Wasser auf mich herabzulassen. Um auszudrücken, wies mir ging, wäre „Zum Kotzen!“ wohl als Schmeichelei zu betrachten. Aber was ich ankündige, zieh ich durch und schließlich sind Mottos da, um danach zu handeln. Aber warum eigentlich? Und warum muss ich Freak immer solche Egotripps fahren? Warum muss ich immer noch eins draufsetzten? Mein linkes Knie und die dazugehörige Achillessehne hatten ihre eigene Meinung, die sie mir recht brutal mitteilten. Ab und zu fand ich eine Sitzposition, in der es sich aushalten ließ und als dann meine Stimmung vom Meckern, Fluchen und laut Schreien in Resignation überging, störte mich auch die lange 14% Steigung und der blasenschlagende Regen schon nicht mehr. Sich jetzt von der Frau abholen lassen, mitten in der Pampa? Jetzt aufgeben? Niemals! Das hatte ich nur einmal getan, als ich bereits fünf Kilometer mit Plattfuss meine Heimrunde fuhr und dann hätte schieben oder tragen müssen. Und trotzdem fühlte ich mich damals, wie ein Bettnässer! Also, einfach treten! Treten, treten und treten. Raus aus dem Sattel, hoch den Berg und weiter! Als ich’s dann 21:30 Uhr geschafft hatte, hätte ich eigentlich heulen müssen. Aber das tat ich ja aus Wut schon unterwegs. Jetzt war nix mehr übrig! Auch fiel mir erst daheim auf, dass ich diese Tour ohne etwas zu Essen und zu Trinken gefahren war. Das bekam der heimische Kühlschrank dann zu spüren und die Badewanne wollte ich auch nicht so recht verlassen. Aber ich war wieder mal daheim angekommen und wieder mal richtig zu Hause! Abschließend lässt sich resümieren, dass diese drei Tage und 800km sowohl eine intensive Reise ins Ich, als auch eine tolle Erfahrung mit Gleichgesinnten waren. Egal, wie es mir dabei auch teilweise ging, ich möchte sie auf keinen Fall missen und spüre jetzt schon wieder dieses Zucken in den Waden. Aber heute ist Ruhetag! Für Außenstehende sind derartige Touren sicher etwas befremdliches, vielleicht Extremes. Aber ich kann und muss immer wieder sagen: Das kann jeder! Ich bin das beste Beispiel dafür, was man physisch durch permanentes Training erreichen kann. Jedoch ist dass nur die halbe Miete. Die härtesten und schwersten Kämpfe finden im Kopf statt. Dieses „Körper gegen Geist“ und umgekehrt, die Zweifel und die Euphorie. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und der Geist bzw. der Wille stets Herr über den Körper bleibt, dann ist nichts unmöglich! Ich widme diesen Bericht und die Flèchemedalie meiner Frau, ohne die das und vieles andere absolut nicht möglich wären. Durch die Gespräche mit anderen Fahrern, habe ich festgestellt, dass eine derartige Unterstützung und Akzeptanz dieses Sports durch den Partner nicht selbstverständlich ist und ich hoffe, es ihr recht bald ähnlich intensiv wiedergeben zu können! 
Im Ziel: Matthias, Ich, Wolfgang, Jürgen, Stefan (v.l.)
|