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Nach 62 Stunden, 52 Minuten und ca. 13.000 Meter hohen 1.267 Kilometern, war klar, ich bin reif für Amerika! Reif für das RAAM, das Race Across America, 5.000km nonstop von der amerikanischen West- zur Ostküste, die härteste Sportveranstaltung der Welt!
Um sich für das RAAM zu qualifizieren, muss man an einem entsprechend ausgeschriebenen Ultra-Radrennen teilnehmen und eine gewisse Zielzeit erreichen oder ein 1.200km-Brevet in weniger, als 65 Stunden finishen. Ich entschied mich für letzteres und fuhr die „1. Große Bayern Rundfahrt“, das 1.200er Brevet bei den Randonneuren in Nordbayern:
Eine Woche Urlaub in Österreich, in Lienz, an der Strecke des Glocknerman lag hinter mir, als ich mich entschied, den Vogtland-Radmarathon mit seinen 200km und bissigen 3.200hm in Angriff zu nehmen, um kaum 24h später auf die 1.200km-Reise zu gehen. Völlig widererwartend hatte ich beim Vogtland-Radmarathon auf den letzten 50km immense Atemprobleme und böse Lungenschmerzen. Ich schob das einfach darauf, dass wir im Tross den Mühlleithen-Pass, den ich Anfang des Jahres noch mit anstrengenden 13,5km/h im Schnitt fuhr, nun mit einer „flockigen“ 18 raufgeflogen sind und mir das nach der Woche Alpen per Fuß nicht ganz so bekommen ist. Und überhaupt!? Ich wollte doch den Marathon ruhig angehen, wegen der kommenden 1.200km! Hat die ersten 60km irgendwie gar nicht gepasst. Also, völlig kaputt den harten Radmarathon gefinisht, heim, packen, schlafen und los nach Osterdorf.
Dort angekommen, schwante mir, dass Heidi und Karl in diesem Brevet ihr Meisterstück geschaffen hatten, lachte mir doch zur Morgensonne ein Transparent mit einem fetten „Willkommen!“ entgegen, als ich das Ortsschild passierte! Irgendwer, wenn nicht ich selbst, hatte wohl auch rumerzählt, dass der Plauener wiedermal sein Maul ziemlich weit aufgerissen hatte und die 1.200 in weniger, als 60 Stunden passiert haben wollte, ohne zu wissen, wie der Streckenverlauf und das Höhenprofil aussehen. Mir schallte ziemlich schnell und ziemlich oft ein fragendes „Frank, ich habe gehört, dass Du …“ entgegen. Selbst schuld, muss ich mir da wohl eingestehen! Egal, der Druck passte jedenfalls schon mal. Schade nur, dass ich mit meiner Ansage wohl kaum mit meinen bisherigen Randonneursfreunden zusammen fahren würde. Aber mein Ziel war klar definiert und formuliert. Für alle Eventualitäten hatte ich die Strecke auf meinem GPS und konnte ggf. auch allein fahren. Dass sich Karl zur Zulassung einer solch technischen Raffinesse hinreißen hatte lassen, war das Beste, was mir passieren konnte, wie sich zeigen würde.
Schnell formierte sich eine Gruppe, die so fuhr, dass es mir im Wind weh tat, aber im Windschatten ausreichte, um mich wieder genügend zu erholen, lagen doch die 200km vom Vortag noch in meinem Kopf. Zum Glück hatten sich die Lunge und der Bauch wieder vollkommen erholt und ich fuhr bis dahin schmerzfrei. Ungewohnt jedoch war es, in einer komplett neuen Gruppe zu fahren. Zwar kannte ich fast jeden, fuhr jedoch zum ersten Mal mit den Jungs. Wir fuhren zügig und hielten uns an den Kontrollstellen nur solang auf, wie es nötig war. Ich hatte, ob des GPS, die Navigation übernommen und wurde dabei von den Leuten mit Wegbeschreibung unterstützt, was im Verlaufe des Brevets jedoch immer mehr nachlassen sollte, da das GPS und der Track darauf sehr zuverlässig zu sein schienen.
Noch vor der ersten Nacht erreichten mich telefonisch private Nachrichten, die kurz vor der Kontrollstelle Roßhaupten fast zu einem Abbruch des Brevets für mich geführt hätten. Probleme wälzen, in der Ferne, weg von daheim nach Lösungen suchen, dabei ein Brevet fahren, bei dem einiges auf dem Spiel steht, mit dem Gedanken spielen, aufzuhören und doch weiter zu fahren, sind eine beschissene Mischung! Den Stopp in Roßhaupten nutzten die anderen zum ausgiebigen Essen und ich zum Telefonieren. Danach stand für mich fest, weiterzufahren und durchzuziehen. Ich konnte es auch der Gruppe nicht zumuten, nicht 100% bei der Sache zu sein. So düsten wir durch die nassen Regenschauer Richtung Bad Tölz. Wenn man ein Tief hat und in einer Gruppe fährt, wo alle anderen (scheinbar) gut drauf sind und ballern, wie der Kaputten, wird aus dem Zähnezusammenbeißen auch rasch ein gewisser Teil Aggression gepaart mit der Einsicht, dass wenn die Jungs nicht ziehen würden, ich garantiert viel langsamer fahren würde und ich das eigentlich gar nicht wöllte. Zum Glück kamen auch Anstiege. Die rollte ich weitaus besser rauf, als die anderen und um einiges lieber, als in der Geraden dahin zuschießen. Ich bin eben ein Bergjunge und kein solcher Drücker: ToDo-Notiz auf dem Trainingsplan für 2010. Richtig gebremst wurden wir jedoch, als die Straße plötzlich aufhörte und wir in totaler Dunkelheit an einer Baustelle standen, durch die ein ca. 4 Meter breiter Bach floss! KARL!!! Galle, Angst, Aggression, Abenteuerlust, Verzweiflung. Als Brücke dienten zwei glitschige, völlig verschlammte Baumstämme, die nass anderthalb Meter über den mit Wasser gut gefüllten Bach lagen. Fahrrad auf den Rücken oder Schulter und in 10cm weiten Schritten mit Radschuhen rüber. Mir ging die Düse. Zum Glück blieb mein Sitzpolster in der Hose jedoch ungefüllt! Nach der „Bau(m)stelle“ verließ uns mit Knieschmerzen Walter Jungwith. In Bad Tölz wiederum legten sich ebenfalls zwei Mitfahrer schlafen und wir zogen zu dritt weiter. Im Morgengrauen brauchte ich mal 10 Minuten „Laydown“, ohne zu schlafen. Richard fuhr weiter, Uwe Schiwon, Vizeweltmeister im Zehnfach-Ironman pausierte ebenfalls, sodass dann zwei Vizeweltmeister gemeinsam in den harten Anstieg aus dem Alpenvorland rollten. Ganz schöner Hammer, der Berg. Aber fein! Auf der anderen Seite fuhren wir wieder auf Richard auf. Es war zwar mittlerweile relativ trocken, jedoch war die Strecke recht selektiv und der aufkommende Wind tat sein übriges. In Unterwössen stieß auch Klaus Fischer wieder zu uns. Ab da sollte es nun zu viert weitergehen. Diese Gruppe harmonierte hervorragend. Irgendwie war scheinbar jeder einzelne genau dann vorn im Wind, wenn es ihm am besten ging. Wir hatten ordentlich Druck auf den Pedalen.
Bei der Kontrolle in Willmering, km 781, in der zweiten Nacht, entschlossen sich meine Mitfahrer für 30 Minuten zu schlafen. Ich legte mich, obwohl ich es nicht brauchte, 20 Minuten mit hin. Ab da begann dann auch meine Rechnerei. Die Gruppe hatte keinen Schimmer von meinen 60- bzw. 65h-Plänen. Ich wollte sie aber auch noch nicht damit konfrontieren, um keine Unruhe reinzubringen. Als es jedoch bei Kilometer 850 wieder hieß hinlegen, bekam ich Zweifel. Es war früher Morgen und ich wollte in der Nacht im Ziel sein, bei Kilometer 1.267. Würde heißen, mindestens 417 km in 21,5 Stunden. Macht einen 19,4er Bruttoschnitt und das nach 850 Kilometern und ohne zu wissen, wie die Strecke und das Wetter werden. Ich sprach kurz mit Klaus und erklärte ihm meine Zweifel bzw. dass es für mein persönliches Ziel recht knapp werden würde, schlief nicht und wartete auf die Gruppe. Hosenwechsel. Ach, Hosenwechsel: meine Sitzprobleme, wenn ich mal welche habe, sind mittlerweile ausschließlich darauf zurückzuführen, dass ich durchs Schwitzen Salz verliere, das trocknet und an den wunden Stellen in der Hose ordentlich scheuert. Tagsüber schwitze ich komplett, was bedeutet, dass die Sitzprobleme meist nachts kommen, wenn es kühler ist. Verstanden? Jedenfalls hilft da am besten Einseifen und Waschen. Es muss nicht immer ein Hosenwechsel sein. Dieses Waschen hatte ich vor der Einfahrt in den Bayrischen Wald vergessen. Suchte unterwegs verzweifelt einen Brunnen oder geeigneten Bach. Murphys Gesetze schlugen voll ein. Es ist ziemlich erniedrigend, wenn man sich entschlossen hat, ob der barbarischen Schmerzen, aufs Trinken zu verzichten und sich mitten in der Nacht und der bayrischen Pampa mit dem Trinkwasser aus der Flasche bei runtergelassener Hose wäscht. Man bedenke, Brevets, egal wie lang, werden ohne Begleitfahrzeug und Crew gefahren! Aber es half! Sitzcreme nutze ich nicht, weil die, meinen Erfahrungen nach, die aufgeweichte Haut noch mehr aufweicht. Waschen und trockene Hose hoch. Aber das nur am Rande…
Ich ließ also meine Mitfahrer in Vohenstrauß schlafen und stellte mich sofort nach Weiterfahrt in den Wind und machte Druck. Jetzt kam ohnehin meine Zeit, das letzte Viertel. Meine Mitfahrer mussten jedoch reißen lassen. Ich bremste nicht, hatte aber die Hoffnung, dass Klaus den anderen beiden erklären würde, warum ich nicht locker ließ. Ich hoffte auf Verständnis, war es doch auch für mich klar, dass 400km Alleinfahrt vor mir lagen und ich nicht wusste, was werden würde. Mit dem Tageslicht kam auch noch ein ordentlicher Westwind auf. Und in welche Richtung würden wir genau fahren müssen? Richtig! Gegenteil von Osten! Kotzen, Kampf, Verbissenheit und dennoch das Ziel vor den Augen. Meine Knie kamen. Noch fuhr und drückte ich unter der Schmerzgrenze. Es wurde heiß und die Strecke brevettypisch. Das ist, wie Intervallfahren. Puls hoch und runter. Stundenlang. Das GPS lotzte mich hervorragend. Ich fütterte es auch gut mit Strom. Hatte ich doch wohlweißlich die halbe Satteltasche voller Batterien. Ohne GPS wäre ich nicht allein gefahren und ohne GPS wäre die Fahrzeit so nicht machbar gewesen. Das ist mir absolut klar. Danke Karl!
An den kommenden Kontrollstellen hielt ich mich gar nicht auf: Stempel, Toilette, Schritt waschen, weiter. So fuhr ich bis zur vorletzten Kontrolle in Kempes bei Kilometer 1.148 den gesamten Tag durch und lag dort in meinem auferlegten notwendigen Limit. Klar gab es zwischendurch auch mal ein paar kleine Verfahrer, die ich aber immer rasch korrigieren konnte. Irgendwelche Platzierungen oder wer vor wem wie liegt, waren mir total egal. Ich fuhr bereits seit mehr, als 12 Stunden komplett allein und konnte mich auch nur mich konzentrieren. Ab Kempes ging es zwar in die dritte Nacht, aber auch raus aus dem Wind und auf die letzte Etappe. 120km – 5 Stunden, wenns schnell gehen würde. Es ging! Ich flog voller Euphorie, voller Freude, voller Zuversicht und mit dem greifbaren Ziel vor Augen Richtung Süden, auf Osterdorf zu! Kurz vor Stunde 60 passierte ich die 1.200km-Marke, die leider nicht als solches zu erkennen war. Hatten Heidi und Karl wirklich an alles gedacht, war es leider ohne Kilometerzähler nicht möglich, den 1.200er Punkt als solchen zu erkennen. Aber genau ab da gilt das Brevet ja als erfolgreich gefinisht. Egal, ich hatte ein anderes Ziel. Meine Knie kamen jetzt wirklich. Ich biss die Zähne zusammen und dachte: „Wurst! Das ist deine letzte große Radsportveranstaltung dieses Jahr. Die Knie brauchst du erst mal nicht mehr!“ Es tat wirklich ordentlich weh. Und komischer Weise gingen die Anstiege noch immer am besten. Schlimm war das letzte Stück von Weißenburg zum Anstieg nach Osterdorf. Gerade Strecke, Druck auf der Pedale und der Wunsch, vor 1:00 Uhr im Ziel zu sein. Ich brüllte meinen Knien die „LMAA-Stimmung“ entgegen und schoss förmlich um 0:52 Uhr in die Alte Schule in Osterdorf. Karls Sohn, Sven, fragte mich auch gleich, wer mich denn so hetzen würde. Ich sagte nur, völlig außer Atem: „Die Uhr.“
Ich hatte es geschafft, dritter Ankömmling in Osterdorf und 1.200km in weniger als 60 bzw. 1.267km in weniger, als 65 Stunden – RAAM-qualified! In dieser Nacht war ich eher froh, es geschafft zu haben, angekommen zu sein und meinen Knien endlich die verdiente Pause gönnen zu können. Die Dusche im Ziel war, wie immer, das Schönste! Erst nach und nach realisier(t)e ich, was mir gelungen war, stand die ganze Sache doch mehrmals vor dem Abbruch oder zumindest dem Aufgeben der selbst gesetzten Ziele. Rückblickend war der beherzte Schritt, ab km 850 allein zu fahren, der wichtigste im ganzen Brevet und der, der mir bis jetzt noch die Brust schwellen lässt. Wie gesagt, Brevets werden ohne Begleitfahrzeit, Support von außen oder gar einer Crew gefahren. Wie schön ein solcher Service jedoch ist und wie positiv sich dieser auswirken kann, habe ich beim Glocknerman erfahren. Umso stolzer bin ich nun, eine noch längere Distanz fast allein gemeistert und mich damit fürs RAAM qualifiziert zu haben. Mir ist aber auch klar, dass ich dies ohne das GPS und ohne Klaus Fischer, Uwe Schiwon, Richard Schröder, Walter Jungwirth und Urban Hilpert kaum geschafft hätte! Vielen herzlichen Dank für Eure Unterstützung und schlussendlich Euer Verständnis! DANKE!
Hinter mir liegt nun eine grandiose Ultra-Radsport-Saison 2009, in der ich im März bei der „Floss 72h Ergometer Challenge“ einzigartiges Durchhaltevermögen beweisen konnte und bei der Ultra-Radmarathon-Weltmeisterschaft, dem Glocknerman 2009 im Juni zeigen konnte, dass ich inzwischen mit internationalen Extremradsportlern mitfahren kann - Vizeweltmeister. Die RAAM-Quali ist dafür ein toller sportlicher Abschluss. Momentan laufe ich wieder sehr intensiv und bereite mich auf die noch anstehenden drei Marathons vor. Für nächstes Jahr laufen auch schon die Planungen und aus irgendeinem Grund denke ich bereits über 2011 nach…
Das Gribbeln in den noch immer eingeschlafenen Fingerspitzen werde ich wohl noch ein Stück haben und es wird mich auch noch ein Stück an diese grandiose „1. Große Bayern Rundfahrt“ erinnern! Schön.
Bilder folgen.
Feedback:
"Hi Frank,
herzlichen Glückwunsch und Hut ab zur RAAM-Quali. Nach deinen Anfangsjahren (welche ich im ehrlich gesagt etwas belächelt habe, nach dem was da meist zu hören war) hast du dich ja nun inzwischen zu einem echten Ultra mit Namen hochgearbeitet und das dies nicht immer mit Spaß und stimmulierender Motivation verbunden ist, weiß ich auch schon durch meine kurzen Distanzen. Also hoffe ich, du findest die nötigen Sponsoren für Amerika und sage Bescheid, wenn 100.000,00 Euro zusammen kommen freue ich mich auf deine Einladung mitzufahren.
Wünsche nun viel Freude am Laufen, bei mir ist der Dampf raus für dieses Jahr, mache noch zwei Triathlons in der olympischen Distanz und Marathon überlege ich noch. Durch mein schluderhaftes Trainingsjahr sind unter 3 Stunden nicht drin, habe wenn nur Grundlagenausdauer gemacht und so fehlt ganz einfach der innere Antrieb.
Also, verletzungsfreie Restsaison und gönn dir mal einen Monat halbwegs Ruhe, die Vorbereitung auf nächstes Jahr beginnt dann ja schon auch bald wieder.
Ciao Rico"
Rico Meinhold - Ironman, Triathlet und vogtländische Laufikone
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